Heimkommen und der Reverse Culture Shock

Man freut sich auf zu Hause, freut sich auf die Menschen und Dinge, die man während des Reisens vermisst hat – und dann ist man zurück in der Heimat und alles fühlt sich komisch an.

Nach einem halben Jahr Asien hatte ich irgendwann das Gefühl, dass es an der Zeit ist, nach Deutschland zurückzugehen. Ich dachte, dass ich eine „Reise-Pause“ brauche, um alle Eindrücke zu verarbeiten – und weil ich endlich an meinem Roman weiter arbeiten wollte. Und während ich dies schreibe, merke ich, dass ich genau das tatsächlich nicht getan habe: Mir den Raum und die Zeit zum Ankommen zu geben. Oder zumindest nicht genug.

Die Herausforderung des Zurückkommens

Denn ich habe sofort alle organisatorischen Dinge abgearbeitet und mich voll und ganz in mein Romanprojekt gestürzt. Und dieses Gefühl, dass sich alles falsch und fremd anfühlt, habe ich ignoriert und mit Aktivitäten überdeckt, weil ich es nicht verstanden habe. Weil ich nicht verstanden habe, warum es mir nicht gut geht, obwohl ich doch glücklich sein müsste. Dass man schnell wieder im alten Trott ist, hatte ich befürchtet. Deswegen hatte ich mir noch auf meiner Reise Dinge aufgeschrieben, die ich beibehalten möchte. Zum Beispiel habe ich mir vorgenommen, den offenen Reise-Spirit beizubehalten und mehr neue Menschen kennenzulernen, was in einer Stadt wie Berlin ja auch wunderbar geht. Letzteres habe ich tatsächlich auch gemacht. Aber es war nicht das gleiche. Ich war nicht die gleiche; habe mich nicht so gelöst und frei und gleichzeitig verbunden gefühlt, wie während meiner Zeit in Asien. Was ich mittlerweile realisiert habe: Ich muss mir die Zeit zum Ankommen geben. Und ich kann diese Phase nicht einfach überspringen.

Für die Herausforderung des Zurückkommens nach einer langen Zeit im Ausland gibt es sogar einen Begriff: Reverse Culture Shock, also der „umgekehrter Kulturschock“ wie es etwas sperrig auf Deutsch heißt. Recherchiert man, wieso es zu einem Kulturschock kommt, wenn man in sein Heimatland zurückkehrt, werden drei Hauptgründe genannt:

1. Dein Zuhause hat sich verändert.
2. Du hast dich verändert.
3. Du hast dich in eine neue Kultur eingelebt – und musst dich nun wieder in deine alte Kultur einleben.

Die letzten beiden Punkte würde ich definitiv so unterschreiben. Reisen und lange Auslandsaufenthalte verändern dich, weil sie deinen Blick auf die Welt verändern. Und sie ändern auch den Blick auf die eigene Kultur – besonders dann, wenn man sich in einen ganz fremden Kulturkreis begeben hat. Und die Umstellung von Vietnam zurück in die westliche Konsumgesellschaft bereitet mir tatsächlich viel mehr Probleme, als ich es mir vorgestellt habe … Punkt Eins würde ich etwas umändern, nämlich in „Dein Zuhause hat sich nicht verändert“, was aber eigentlich Punkt Zwei gleichkommt: Du hast dich verändert – aber dein Umfeld ist gleich geblieben. Natürlich haben auch die Menschen, die zu Hause geblieben sind, in diesem Zeitraum bestimmte Erfahrungen und Veränderungen durchlebt, aber das Gefühl, was mich nach ein paar Tagen eingeholt hat, war tatsächlich dieses: Alles ist beim Alten. Nicht hat sich verändert – und es ist so, als ob ich nie weggewesen wäre. Und daran habe ich ganz schön zu knappern …

Phänomen Reverse Culture Shock

In der Vancouver Sun habe ich gestern einen Artikel gefunden, in dem die Autorin Kristi Fuoco von ihrem eigenen Reverse Culture Shock berichtet. In ihrem Artikel listet Fuoco sieben Probleme auf, die auftreten können, wenn man nach einem längeren Auslandsaufenthalt in sein Heimatland zurückkehrt – und wie man am besten mit ihnen umgeht. Man sollte sich zum Beispiel mit dem Phänomen, das man gerade selbst erlebt, beschäftigen und so viel wie möglich darüber lesen. Und sie hat Recht: Es hilft. Es hilft, seine eigenes Verhalten zu verstehen – und sich damit nicht ganz so alleine zu fühlen.

Was an das nächste Thema anknüpft: Das Gefühl, sich alleine zu fühlen, ist ein weiteres Anzeichen für einen umgekehrten Kulturschock. Wenn man reist, trifft man automatisch auf andere Reisende. Menschen mit ähnlichen Interessen und einem ähnlichem Mindset. Wenn ich an das letzte halbe Jahr zurückdenke, dann kann ich es tatsächlich noch immer nicht glauben, wieviel tolle und inspiriende Menschen ich kennengelernt. Und dann ist man zurück in seiner Heimat, freut sich darauf seine alten Freunde wiederzutreffen – und niemand hat Zeit. Oder man hat sich auseinander entwickelt. Denn natürlich ist auch das Leben der Menschen, die man zurückgelassen hat, ohne dich weitergegangen, genauso wie dein Leben weitergegangen ist.

Verlust & Abschied

Und dann ist man beim Punkt Verlust. Man vermisst die Menschen, die man kennengelernt und in sein Herz geschlossen hat, man vermisst das Land, man vermisst die Kultur und man vermisst vor allem die Gefühle, die man mit dieser Zeit verknüpft. In Thailand und Vietnam habe ich mich so frei und gleichzeitig so verbunden gefühlt. Verbunden mit mir selbst, aber auch mit den Menschen um mich herum und mit dem Moment. Und da war dieses große Dankbarkeitsgefühl in mir. Wenn ich in einem Tempel vor einem Buddha saß oder durch die grünen Reisfelder geradelt bin, dann war ich manchmal so glücklich und dankbar, dass ich fast geweint habe.

Natürlich gab es auch Momente, die anstrengend waren. Momente, in denen es mir nicht gut ging, ich erschöpft und überfordert war – oder vom ganzen asiatischen Verkehrslärm einfach genug hatte. Aber trotzdem war da dieses Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Und das fehlt mir seit meiner Ankunft in Berlin. In einem anderen Artikel von Kristi Fuoco mit dem Titel „Learning how to come home“  wird dieses Gefühl mit dem Bild „re-caging a freed bird” beschrieben. Und ich glaube besser und treffender kann man es nicht bezeichnen.

Sich Zeit geben & in sich hineinspüren

Ich glaube alles, was man machen kann, ist, geduldig mit sich selbst zu sein und sich die Zeit zu geben, die man braucht. Und in sich hineinzuspüren, was einem seine Gefühle eigentlich sagen wollen. Denn als ich das gestern gemacht habe, da waren sie auf einmal da, die Antworten. Nicht auf alles, nicht für die großen Fragen, aber für das, was ich momentan brauche. Und das ist Natur und Land, statt Stadt. Das ist Abstand zu meinem Romanprojekt, so hart und irritierend das gerade auch ist. Und das ist ein Abschied von Berlin. Und nicht, wie ich gedacht habe in ferner, sondern in naher Zukunft.

Was ich mir außerdem klar geworden ist: Ich bin noch nicht am Ende meiner Reise. Ich bin noch nicht bereit, mich wieder in den ganz normalen Jobwahnsinn zu schmeißen – und vielleicht werde ich es auch nie wieder sein. Denn meine Reise hat so viele neue Türen und Möglichkeiten geöffnet, wie man leben kann und was man beruflich machen könnte, dass es viel zu schade wäre, diese einfach wieder  zu schließen.

Die Bloggerin Lisa vom riskhappinessblog hat das in einem Post ganz wunderbar beschrieben mit „Trau dich, die richtigen Fragen zu stellen – und erlaube dir, in die Antworten reinzuwachsen.“ Und genau das werde ich versuchen.

 

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